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Das Geschenk der Einsamkeit

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Dunkel, allein, einsam… der Dezember holt nicht selten unangenehme Gefühle hervor. Kein Sonnenstrahlen, das uns nach dem Aufwachen entgegen lacht. Kein Weihnachtsmarkt. Keine Weihnachtsfeier. Geselligkeit? Abstand ist angesagt. Was, wenn das Alleinsein zur Einsamkeit wird?

Es verhallen noch die gut gemeinten und wohlklingenden Worte: Bleib gesund! Ja, ein jeder schallte einem diesen Satz entgegen. Ich fand es wunderbar, dass ein bisschen mehr Freundlichkeit in den Alltag einzog. Doch so ist das mit Rudeltieren, irgendwann ist auch deren Verständnis erschöpft und sie möchten zurück zum Rudel, zum Alten. So halten sich die meisten Menschen an die Kontaktbeschränkungen, um ihre Liebsten doch noch wiedersehen zu können. Der Funke Hoffnung bleibt. Die Hoffnung, dass sich die Einsamkeit nicht breit macht. Dass wir mit dem Alleinsein besser klar kommen als in den letzten Jahren, um diese Zeit.

Dezember ist hart für Alleinstehende. Für Trauernde. Für Verlassene. Wir konnten mit einem Heißgetränk auf dem Weihnachtsmarkt unserer Einsamkeit kurz entfliehen. Ins Getümmel, aber nicht zu lang. Das viele Alleinsein hat so manchen schon kontaktscheu gemacht. Jeglicher Reiz kann schnell zum Überreiz werden.
Was machen wir, wenn wir uns nicht mehr ablenken können? Das Gewohnte funktioniert gerade nicht. Mist. Da muss eine neue Strategie her, schnell… oh nein, da klopft es an der Tür und sie tritt ungebeten herein: die Einsamkeit.

Sie ist eine alte Bekannte für sehr viele Menschen. Für andere ist es die erste Begegnung. Der erste Kontakt. Sie fühlt sich dunkel, leer und eisig an. Was will sie? Und gerade bei dir? Bei mir? Warum fällt es mir so schwer sie willkommen zu heißen?

“Hallo alter Freund.” spricht sie.
“Ich komme, um wieder mit dir zu sprechen.
Über deine Träume, Wünsche und Visionen.
Über das, was dir Freude bereitet.
Über das, was dir fehlt.
Über das, warum du dein Leben nicht selbst mit Glück und Freude bepflanzt.” unterstreicht die Einsamkeit.

Ich fühle mich sichtlich überrumpelt. “Ganz schön unhöflich ohne Einladung hier einfach reinzuschneien! Und schon mal was von gendern gehört? Freundin!” entgegne ich ihr in der Hoffnung sie in die Flucht zu schlagen. Ok zugegeben das war ein bisschen geflunkert. Sie kommt jedes Jahr. Aber dieses Jahr sollte es doch anders sein. Ich habe so viel an mir gearbeitet über die letzten Jahre. Alles losgelassen und in Vergebung gebracht. Ja, den anderen vergeben, mir vergeben, dem Universum vergeben (dass es mich so unfair behandelt).

WAS will sie denn noch? Ich habe nichts mehr. Hier gibt es nichts holen und auch nichts mehr zu geben! Ich werde immer aufgewühlter und bringe mein Gedanken- und Gefühlskarussell schon in Position. Auf gehts, die nächste Runde steht an. Schwung holen. Es nimmt ordentlich Fahrt auf. Gewinne, Gewinne, Gewinne…. die kann gleich mal was erleben.

“Ich möchte dir zeigen, was dir wirklich gut tut und was deine Seele leuchten lässt. Nein, ich sage dir nicht, dass du dich selbst mehr lieben solltest. Das weißt du. Dafür komme ich nicht, das ist eines anderen Aufgabe. Ich komme, um mit dir in die Tiefen deiner Emotionen zu tauchen, wenn du so willst ja deiner Seele.” sagt sie mit sanfter Stimme.
Ha, diesen Tonfall kenne ich. Bestimmt eine Falle. Wie oft war sie zu Besuch, ich kann es kaum noch zählen. Unterjährig immer wieder. Puh. Und ja, wir haben uns gut unterhalten. Sie hat schon ein paar gute Punkte… aber aber aber: ich bin gefolgt und lasse mein Licht nun leuchten. Warum ist sie hier?

Ohje, vielleicht ist sie einsam?
Ich fühle mich bedrückt und die Scham macht sich breit. Besucht mich die Einsamkeit, weil ich das Licht für die in Not sein möchte? Godi, echt mal wieder schööön vorgeprescht… zuhören predigen und selbst Laberrhabarber.
Sie rollt mit den Augen und unterbricht meinen inneren Dialog:
“Lass uns reflektieren: wer ist in deinem Umfeld? Wen bezeichnest du als FreundIN? Hältst du dich mit Smalltalk auf? Wie tief sind deine Beziehungen zu anderen Menschen? Hast du ehrlich Interesse an ihnen?”

Ähm, das hatten wir doch alles schon mal. “Einsamkeit, jetzt mal ehrlich. Jedesmal stellst du die gleichen Fragen. Das haben wir doch alles schon einmal beantwortet.” versuche ich das Unvermeidbare abzuwenden. “Meine Liebe, dazu habe ich mal ein Video gemacht. Godis Gute Gedanken auf Youtube. Schalt mal rein.” ich lächle. Sie nicht.

“Sprichst du ohne etwas zu sagen? Hörst du zu ohne wirklich hin zu hören?” pikst mich die Einsamkeit. Hmmm, gute Frage. Hatte sie mich? Worauf will sie hinaus? Sie soll mir doch einfach mal sagen, was ihr Thema ist. Tacheles reden. Mega Erfindung. Aber nein, sie verbirgt sich in ihren schleierhaften Fragen. Also mir sind sie schleierhaft. Ich hau mal einen raus, damit wir mal wieder auf Augenhöhe kommen. Klartext. Ich hole Anlauf:
“Toller Impuls, danke dir Einsamkeit. Wie du weißt, habe ich lange versucht, mich anzugleichen und im alltäglichen Blabla mitzuspielen. Ich habe brav die Frage, wie es mir geht, mit gut beantwortet. Nur, damit die Leute sich nicht auch mit mir auseinandersetzen müssen. Naja müssen. Wer muss schon irgendwas? Nach deinem letzten Besuch habe ich mir unser Gespräch sehr zu Herzen genommen. Ich möchte meine Wahrheit sprechen. Meine Wahrheit hat Gehalt und Tiefe. Meine Gedanken inspirieren andere seitdem ich sie laut ausspreche. Meine Empathie wird in den meisten Fällen zu Mitgefühl, so dass ich vielen Menschen in Prozessen und Fragen eine Unterstützung sein durfte. Also ja, liebe Einsamkeit, ich spreche und sage damit etwas.” Ein Gefühl von stolzer Selbstliebe macht sich in mir breit. Es durchströmt mich. Ich schaffe etwas Wunderbares für die Gemeinschaft. Ist sie deswegen gekommen? Damit ich meine Selbstliebe fühle im Dezember? Ach, sie ist schon ein Schatz. Gute Freundin. Ich bin mitten im Schwelgen…


Und sie setzt wieder an. An meiner Antwort gibts nichts zu mäkeln. Mal hören, was da noch kommt. “Ist dir bewusst, wer in diesen Zeiten allein zu Hause sitzt? Wer vielleicht mehrere Tage kein einziges Wort spricht? Geht es dir ebenso?”
Uff, da ist es. Auf meinem Gedankenkarussell fahrend kommen nun Bilder und Erinnerungen hinzu. Mir wird mulmig. Schlecht.

“Die Stille ist ein Krebs, der sich schleichend breit macht.” antworte ich. Eine Zeile aus dem Lied Sound of Silence von Simon and Garfunkel. Berührt schaue ich auf und der Einsamkeit tief in die Augen. Ich tauche ein. Ich verstehe ihr Anliegen. Ich fühle ihren Auftrag. Es bewegt mich.
So lieb mir Ruhe ist. So grausam kann die Stille sein. Ja, dann kommt das Alleinsein. Danach die Einsamkeit. Mich schaudert die Erinnerung.


Meine alte Freundin lächelt mich an. Alte Freunde verstehen sich. Sie scheint mir ein Stück erleichtert, dass bei mir der Groschen zu fallen scheint. Ok, sie hätte sich ja mal früher genauer klarer ausdrücken können.

“Warum traust du dich nicht, diese Stille zu durchbrechen?
Ein Wort, dass den anderen umarmt, weil er sich gesehen fühlt?
Ein Anruf, der die Stille für ein paar Minuten ruhen lässt und dir und dem anderen ein Stück Geborgenheit schenkt.
Ja, auch du selbst kannst deine Stille durchbrechen. Ruf an. Teil dich mit.” sie trifft mich ins Herz. Punktlandung. Ja, das könnte ich. Warum mache ich es denn so wenig? Weil alle so beschäftigt sind? Weil anrufen nicht mehr modern ist, sondern alles über Emojis und Sprachnachrichten läuft? Weil es mich nervt, wenn ich keine Antwort bekomme?


Hmmm was ist das denn für ein Gedanke? Es nervt mich. So so. Am langen Arm zu verhungern nervt mich. Nicht das Schweigen. Dann sollte ich wohl lernen, mich nicht an den langen Arm zu hängen. Liegt darunter noch eine Erwartung? Vermutlich. Es ist den anderen doch auch möglich mich anzurufen. Warum immer ich? Denkt vielleicht jemand darüber nach, dass ich alleine bin? Single. Lockdown. Selbständig. Ach, die Godi, die strahlt doch so, die muss man nicht anrufen, wieso soll die sich denn allein fühlen? Boah, ich merke, wie ich tänzelnd in Richtung meiner Opferhaltung gehe.
STOPP! Ich bin in der Lage mich mitzuteilen und ehrlich zu zeigen, dass auch ich Gesellschaft, Aufmerksamkeit und Dialog brauche.
ZACK, OPFERHALTUNG ABGEWENDET.
Ok, Fokus!
Ich denke über die Fragen nach und mir kommt der Gedanke in den Sinn, dass meine Worte vielleicht mehr Leuten oder anderen Leuten Trost spenden können. “Zeig dich. Zeit los zu gehen.” motiviert sie mich. “Denk an dein Credo”.

Ich bin die Sonne.
Ich nähre und wärme dich.
Ich lasse die Dinge wachsen.
Komm mir zu nah und du verbrennst dich.
Wende dich von mir ab und du wirst dich deinem Schatten widmen dürfen.
Ich bin die Sonne. Ich bin die Godi.

“Und auch im nächsten Jahr werde ich vorbeischauen, um mit dir deine tiefsten Bedürfnisse zu besprechen, damit du meine Liebe fühlst.
Die Liebe schickte mich, weil du ihr nicht zugehört hast, weil du sie nicht sehen wolltest. Du hast doch nicht wirklich gedacht, dass du der Liebe egal bist.” foppt sie mich. “Nee, natürlich nicht!” ergänze ich sarkastisch.

Welch eine Ironie. Da besucht mich die Einsamkeit, um mich an die Einsamkeit meiner Mitmenschen zu erinnern. Na, das hab ich wohl nochmal gebraucht. Und dir, du aufmerksamer LeserIn dieser Zeilen möchte ich sagen:

Ich verspreche dir, du wirst aus deinen Fehlern lernen. Fühle den Lauf deiner Tränen auf deinen Wangen. Ich sehe sie. Erlaube dir Raum für den Sonnenschein zu machen. Die Lichter werden dich auf dem dunkelsten Heimweg begleiten. Meine Worte, sie werden deine Knochen, dein Herz entflammen und beleben. Und ich, ich werde dein Herz heil machen. Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt.
Sei gewiss, die Godi ist da.
Ja, das bin ich. Das will ich.

Und, sollte dich die Einsamkeit einmal besuchen. Atme. Mach euch einen Tee und höre, was sie dir zu sagen hat. Sie hat meist ein paar schlaue Impulse mit dabei. Sicher ist, sie geht wieder. Wie jeder gute Gast.

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